China Speed
Im April habe ich in Guangzhou die Tür eines Flugtaxis hinter mir zugezogen.
Zwei Sitze, kein Pilot, kein Steuerknüppel.
Draußen standen Leute und filmten.
Dass ich dort saß, hat mit einer Idee zu tun, die gut ein Jahr vorher in Belgien entstanden ist.
Und mit einem Wettbewerb, bei dem ich mitgemacht habe, ohne groß nachzudenken.

I
Eine Idee aus Belgien
Anfang 2025 war ich zwei Monate in unserer Landesgesellschaft in Belgien.
Anderes Land, anderes Team, andere Abläufe.
Genau deshalb fallen einem dort Dinge auf, die man zu Hause längst übersieht.
Die Idee kam spontan.
Ich habe sie schnell runtergeschrieben und meinen Arbeitskollegen gepitcht.
Danach durfte ich sie vor einem Publikum präsentieren, mit dem ich nicht gerechnet hatte.
Unter den Zuhörern saß Wendelin Wiedeking, der frühere Vorstandsvorsitzende von Porsche.
Es ging um Prozessoptimierung.
Wir haben gewonnen.
Der Preis war keine Urkunde.
Der Preis war eine Bildungsreise nach China, zusammen mit Porsche Consulting.
Der Auftrag: herausfinden, was mit „China Speed“ eigentlich gemeint ist.

II
Zwei Tage Hongkong
Vierzehn Stunden Flug, sechs Stunden Zeitverschiebung.
Wer in Hongkong landet, ist erst einmal wach zur falschen Zeit.
Der erste Espresso kam deshalb nicht aus der Lobby, sondern aus dem Koffer – dazu später mehr.

Zwei Tage hatten wir, bevor es geschäftlich losging.
Die haben wir genutzt.
Und es war heiß.
Über 30 Grad, dazu mehr als 85 Prozent Luftfeuchtigkeit – im April.
Nach zehn Minuten draußen ist man nass, egal was man anzieht.
Deshalb sind diese zwei Tage die einzigen in diesem Bericht, auf denen ich kein Hemd trage.
Der Man-Mo-Tempel in Sheung Wan stammt aus der Zeit um 1847.
Er ist zwei Gottheiten gewidmet: Man Cheong für die Literatur und Mo Tai für den Krieg.
Feder und Schwert, die beiden Wege nach oben.
Unter der Decke hängen Räucherspiralen, die zwei bis drei Wochen lang brennen.

Am nächsten Tag ging es nach Lantau.
Zum Tian Tan Buddha führen 268 Stufen hinauf.
Die Figur ist 34 Meter hoch und wurde 1993 fertiggestellt.
Gegenüber liegt das Kloster Po Lin, das seit 1906 an dieser Stelle steht.


Oben hängen die Wolken tief, unten liegt das Meer.
Es war der letzte ruhige Tag für eine Weile.


Am Nachmittag ging es noch an die Felsküste im Süden.
Man vergisst leicht, dass zu dieser Stadt auch das gehört.

III
China Speed
Die Greater Bay Area fasst Hongkong, Macau und neun Städte in Guangdong zusammen.
Auf rund 56.000 Quadratkilometern leben dort über 88 Millionen Menschen.
Das ist ungefähr die Fläche Kroatiens, mit mehr Einwohnern als Deutschland.
Shenzhen war bis 1979 ein Kreis mit etwa 30.000 Einwohnern.
1980 wurde daraus Chinas erste Sonderwirtschaftszone.
Ende 2024 lebten dort knapp 18 Millionen Menschen.
Man sieht der Stadt an, dass sie jung ist.
Neue Hochschulen, Parks, die abends beleuchtet sind, dazwischen überall Baustellen.


Man merkt das Tempo an Kleinigkeiten.
Kaffee zum Beispiel kommt in Shenzhen mit der Drohne.
Man bestellt, die Drohne fliegt zur Abholstation, man tippt einen Code ein und nimmt den Becher heraus.
Das ist dort kein Pilotprojekt mehr, sondern Alltag.
Gefahren sind wir streckenweise in Autos ohne Fahrer.
Seit November 2025 laufen in Guangzhou, Shenzhen und Peking kommerzielle Robotaxi-Fahrten ganz ohne Sicherheitsfahrer.
Man steigt hinten ein, vorne dreht sich das Lenkrad von allein.
Und dann war da der Hersteller der Flugtaxis.

Das Modell, in dem ich saß, heißt VT35 und wurde im Oktober 2025 vorgestellt.
Zwei Sitze, acht Meter Spannweite, rund 200 Kilometer Reichweite.
Acht Propeller heben es senkrecht an, danach übernehmen Tragflächen und ein Schubpropeller.
Ein Pilot ist nicht vorgesehen.

IV
Werkshallen, Modelle, Bildschirme
Die Tage liefen alle ähnlich.
Aufstehen im Hotel, Anzug an, Bus.
Abends dasselbe rückwärts.
Drinnen war die Hitze kein Thema.
In Shenzhen und Guangzhou ist alles heruntergekühlt – Hotel, Bus, Werkshalle, Restaurant.
Im Anzug war es auszuhalten, sobald ein Dach über einem war.


In Foshan haben wir einen Industriepark für Robotik besucht.
Auf der Tafel im Empfang stand, was dort entsteht: 560.000 Quadratmeter, fünf Milliarden Yuan Investition, gemeinsam mit Midea.
Daneben lag das Modell, in dem jede Halle schon steht.
Was mich daran beschäftigt hat, war nicht die Zahl.
Sondern wie selbstverständlich dort zwischen Modell und fertiger Halle gerechnet wird.


Ein paar Stationen weiter legten zwei Roboterarme Motorteile ab.
Immer wieder, immer auf dieselbe Stelle.
Der Hersteller kommt aus Guangdong und ist in Hongkong börsennotiert.
In einem anderen Werk hing eine Wand aus Bildschirmen im Gang.
Darauf lief die Produktion in Echtzeit: Auslastung, Takt, Störungen.
Nicht im Büro des Werkleiters, sondern da, wo jeder vorbeikommt.
Auf einem Firmengelände lag ein eigener Landeplatz.
Ein weißes H auf dem Pflaster, gleich neben der Einfahrt.
Wer Besuch aus der Luft erwartet, plant ihn offenbar mit ein.


V
Abends am runden Tisch
Gegessen wird am runden Tisch.
In der Mitte dreht sich eine Glasplatte, jeder nimmt sich, was gerade vorbeikommt.
Es gibt keine Vorspeise und kein Hauptgericht, es kommt einfach alles nacheinander.


Die Räume sind oft privat, mit eigener Tür.
Man sitzt zwei, drei Stunden zusammen.
Der eigentliche Teil des Termins fängt selten vor dem zweiten Gang an.
Zwischendurch blieb Zeit für ein paar Schritte durch die Altstadt.


Aufgefallen ist mir an diesen Abenden vor allem eines: wie schnell dort entschieden wird.
Nicht hektisch.
Aber ohne die Schleife, in der eine Entscheidung bei uns erst noch drei Wochen reifen muss.
VI
Was im Koffer war
Ich kaufe für eine Reise nichts Neues.
Drei Sachen hatte ich dabei, die den Unterschied gemacht haben.
Die mobile Espressomaschine
Nach vierzehn Stunden Flug ist der erste Kaffee keine Genussfrage.
Mit der Maschine im Gepäck bekomme ich ihn im Zimmer, so wie ich ihn mag.
Und ich stehe morgens um sechs nicht in einer Lobby und warte.
Das dreiteilige Kofferset
Geschäftlich und privat in einer Reise, dazu zwei Klimazonen.
Ich habe den großen und den mittleren Koffer zusammen genommen und für beides das passende Fach gehabt.
Der kleine ist als Handgepäck mitgeflogen.
Der Weekender aus Canvas
In China sind wir viel mit dem Zug gefahren.
Für eine Nacht in einer anderen Stadt schleppt niemand einen Koffer durch den Bahnhof.
Genau dafür ist die Tasche da: eine Nacht, zwei Hemden, Ladegerät, fertig.
VII
Was ich mitgenommen habe
„China Speed“ klingt nach Hektik.
Ist es aber nicht.
Was dort schnell geht, geht schnell, weil vorher jemand entschieden hat und danach niemand mehr daran rüttelt.
Das Tempo entsteht nicht beim Machen.
Es entsteht beim Entscheiden.


Für ZINKE nehme ich genau das mit.
Lieber ein kleines Sortiment, das ich vollständig verantworte, als eine lange Liste, bei der ich jede Woche neu überlege.
Und einen zweiten Gedanken:
Vieles, was wir hier als Zukunft diskutieren, ist dort längst Kundenalltag.
Man muss nicht alles davon gut finden.
Gesehen haben sollte man es.
Pascal Zinke
Gründer von ZINKE